«Rheinlust» – eine Spurensuche

Jüngste Archivfunde bieten Einblick in eine fast vergessene Episode der Rorschacher Schifffahrt. Das, was See- oder Schulbuben der frühen 1960er-Jahre als «Füllema-Böötli» ein Begriff war, überrascht mit einer spannenden Vorgeschichte.

Bis in die späten 1960er-Jahre gehörten die Motorboote Rheinlust und Seeschwalbe zum Rorschacher Hafenbild. Mit diesen beiden Booten wurde der Schiffsverkehr zwischen Rorschach, Altenrhein und Rheineck über lange Zeit bestritten. Beide Boote kamen in den frühen 1950er-Jahren unter dem ortsansässigen Bootsbauer Füllemann & Sohn in Dienst. Nachforschungen im Staatsarchiv St. Gallen sowie Literaturfunde förderten kürzlich Fragmente einer eigentlichen Flottengeschichte ans Licht.

Motorboote und Gondeln

Der Bootsbauer Gottlieb Füllemann wagte um 1903 den Bau des ersten Motorbootes für den Publikumsverkehr. Eine echte Pionierleistung. Die «Rorschach» bot etwa 20 Personen Platz. Offenbar florierte das Geschäft und 1907 kam die 30plätzige «Luna» dazu. Noch während des Ersten Weltkriegs folgte eine weitere Vergrößerung der Flotte durch die 35plätzige «Stadt St. Gallen».

Um 1920 nahm Füllemann zusätzlich die in der Bodanwerft Kressbronn gebaute 50plätzige «Strandfee» in Betrieb. Die goldenen 20er-Jahre scheinen den unternehmerischen Mut noch weiter angestachelt zu haben. Mit der 160plätzigen «Rheinlust» (der Ersten) kam Rorschach zu einer beachtlich großen Schiffseinheit. Erbauer war die damals bekannte Arboner Firma Vogt-Gut. Das Unternehmen Füllemann & Sohn warb in den Briefköpfen der 1930er-Jahre selbstbewusst mit folgendem Text: «Älteste und größte Motorboot- und Gondelvermietung am Bodensee. Vier komfortable Motorboote mit 25, 30, 55 und 160 Sitzplätzen. Absolut sturmsichere Boote. Für Schulen, Vereine und Gesellschaften empfehlen wir unsere schönen Boote zur Ausführung von Bodensee- und Untersee-Ganztag- und Halbtagrundfahrten, stündige und halbstündige Fahrten zu ganz mäßigen Preisen.»

«St. Gallen» außer Betrieb

Der weltpolitische Himmel verdüsterte sich zusehends und mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs sah sich das Rorschacher Motorbootunternehmen Füllemann mit der einschneidenden Treibstoffrationierung und kriegsbedingten Betriebseinschränkungen konfrontiert. Der wirtschaftliche Weiterbestand des Unternehmens war gefährdet. Füllemann schilderte 1942 die Situation in einem Brief an das Finanzdepartement unter anderem mit den Worten: «(…) Im Übrigen diene Ihnen noch, dass wir zum Beispiel unser Motorboot <Stadt St. Gallen> schon seit dem Sommer 1941 nicht mehr im Betrieb haben und dass dasselbe seither auf dem Lande ist. Mit dem Boot <Luna> konnten wir auch keine großen Geschäfte ausführen; so zum Beispiel wurde dieses Boot während der ganzen Saison 1942 nur an drei Sonntagen in den Dienst gestellt.»

«Rheinlust I» verkauft

Die stolze «Rheinlust I» ließ sich nicht mehr halten und musste leider verkauft werden. Aus der «Rheinlust I» wurde die «Bürgenstock» auf dem Vierwaldstättersee. Sie wurde während der Kriegszeit für die Bürgenstock-Hotels sogar mit einem Holzvergaser betrieben. In den 1950er-Jahren folgte der Weiterverkauf an die Basler Rheinschifffahrts AG (BRAG). Die vormalige «Rheinlust I» blieb dann auf dem Rhein bei Basel unter dem Namen «Bürgenstock» bis in die 1970er Jahre im Betrieb.

Heute soll sich das weitgehend umgebaute Schiff, kaum wiedererkennbar, irgendwo im Burgund befinden. Das den älteren Lesern noch aus den 1960er-Jahren vertraute Schwesterschiff die «Seeschwalbe» war – ganz genau genommen – die «Rheinlust II».

(Anton Heer/St. Galler Tagblatt v. 13.06.12)

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