Wie ich die Seegfrörne erlebte

Schon im Oktober 1962 war der Wasserstand des Bodensees des Bodensees extrem niedrig.  Bei Saisonende am dritten Oktobersonntag, war der See auf einen Pegelstand von 2,62 m gesunken und im "Aletrain" vor der Seestraße traten die ersten Sandbänke heraus. Im November sorgte wochenlang eine zähe Hochnebeldecke für trübes und nasskaltes Wetter mit Temperaturen zwischen Null und minus drei Grad. Es gab auch keine der um diese Jahreszeit üblichen Herbststürme und der See dehnte sich Grau in Grau. Schon um die Weihnachtszeit war im ehemaligen Konstanzer Güterhafen eine dünne Eisdecke zu beobachten, die sich von der am "Kohlenbrückle" vertäuten "Stadt Überlingen" bis zur damaligen Hafenmeisterei auszudehnen begann. Ich machte mir darüber keine Gedanken, denn Eisbildung in den Häfen und stilleren Buchten waren um diese Jahreszeit nicht außergewöhnlich. Einem älteren Herrn mit Hut und Spazierstock schenkte ich keinen Glauben als er meinte, wenn das Wetter weiterhin so ruhig bleibt , friert noch der ganze See zu.  Zum Jahreswechsel schien für einige Tage die Sonne, aber es blieb weiterhin kalt. In der ersten Januarhälfte wehte ein bissiger Ostwind, der mit der Strömung unaufhörlich große Eisschollen am Schweizer Ufer entlang in den Konstanzer Trichter trieb. Am kleinen Leuchtturm war das aus dem Jahre 1928 stammende Motorschiff "Mainau" verankert, um das Eis mit mahlenden Schrauben von der Hafeneinfahrt fernzuhalten.  Die Motorboote "Sperber" und "Falke" zogen mit einem Eisrechen größere Schollen aus dem zufrierenden Hafenbecken in die Rheinströmung.  Damals war noch das Motorschiff "Kempten" dem Pendelverkehr zwischen Konstanz und Meersburg zugeteilt. Wenn das Schiff zurückkam, gab es für die damals noch fünfköpfige Besatzung keine Ruhepause. Mit Hilfe des  Voith-Schneider-Antriebes hatte die "Kempten" dafür zu sorgen, dass das Wasser in Bewegung blieb. Es war eine Sisyphusarbeit, denn über Nacht fror der Hafen wieder zu. Um den 25. Januar steckten im hinteren Hafenbecken die Schiffe "Baden", die fast noch werftneue "München" und der Dampfer "Stadt Überlingen", dessen letzte Saison bevorstand, schon in einer festen Eisdecke. An der langen Ostmole lagen noch der schon fünf Jahre zuvor stillegelegte und inzwischen fast unansehlich vom Rost gezeichnete Dampfer "München", zusammen mit der seit November ausgemusterten "Hohentwiel", deren Verkauf an den Bregenzer Segelclub unmittelbar bevorstand. In regelmäßigen Abständen war das Schiffspersonal damit beschäftigt, das Eis um die Schiffe mit Pickeln und Äxten um die Schiffe herum aufzuhacken, um zu vermeiden, dass unter dem Druck des Eises Schäden an den Schiffsrümpfen entstanden. Dabei erinnere ich mich noch an die am alten Platz 11 liegende "Baden", wo man durch die Bullaugen einen Blick in den Motorenraum werfen konnte. Damals wurde die "Baden" noch von den schwergewichtigen, ursprünglichen Sechszylinder-Dieselmotoren angetrieben.

Ab Mitte Januar war trug der gesamte Untersee  eine tragfähige Eisdecke. Wir Schüler der 6. Klasse aus der Sonnenhalde-Schule überquerten mit unserem Lehrer, Herrn Glaeser am 22. Januar 1963 den See von der Insel Reichenau nach Mannenbach. Dabei mussten wir uns allerdings genau an den von den Eismeistern abgesteckten, mit Tannenbäumchen markierten Weg halten. Von Zöllnern und Grenzschutzbeamten war auf beiden Seiten nichts zu sehen. Selbst wenn, wurden die Grenzkontrollen damals sehr locker gehandhabt. Nachdem wir uns in einem Gasthaus mit einer warmen Suppe gestärkt hatten, ging es mit dem Zug zurück nach Konstanz.

Nun begann auch der Überlingersee zuzufrieren. Schon im letzten Januardrittel hatte sich im westlichen Teil eine geschlossene Eisdecke gebildet und die alte "Bodman", die damals noch den Pendelverkehr nach Ludwigshafen besorgte, saß ebenfalls in ihrem Heimathafen fest.  Am 1. Februar verkehrte das aus Friedrichshafen abgezogene Motorboot "Habicht" zum letzten Mal zwischen Überlingen und Dingelsdorf. Kapitän Franz Knecht und Schiffsführer Oskar Reichle wollten kein weiteres Risiko mehr eingehen, da sich das Eis schon bis auf die Höhe der Insel Mainau und Unteruhldingen auszudehnen begann. Die Kurse wurden aufgegeben und die "Habicht" kämpfte sich in zweistündiger Fahrt nach Konstanz zurück. Noch zwei Tage länger behaupten konnte sich das jetzt anstelle der „Kempten“ das mit einem weniger empfindlichen Doppelschrauben-Antrieb eingesetzte Motorschiff „Schienerberg“ zwischen Konstanz und Meersburg. Verzweifelt kämpften auch die Autofähren gegen das Eis an. Die älteren, noch mit Doppelschrauben ausgerüsteten Fährschiffe, waren Tag und Nacht unterwegs, um den neueren, mit den empfindlichen Voith-Schneider-Propellern ausgerüsteten Schiffe eine Fahrrinne freizuhalten. Aber kaum war das Eis aufgebrochen, schloss sich hinter dem Propellerstrom die Fahrrinne wieder. Am 6. Februar mussten auch die Fährschiffe den Betrieb einstellen. Genau an diesem Tag hatte eine Gruppe Hagnauer zum ersten Mal den Obersee nach Güttingen überquert. Der Februar brachte wieder Sonnenschein, aber es blieb weiterhin sehr kalt. An den Wochenenden pilgerte eine schier unübersehbare Menschenmenge von Staad hinüber nach Meersburg, das im Schein der Wintersonne über die sich stumm und unbeweglich ausbreitende weiße Fläche leuchtete. In der Ferne wirkten die Menschen wie eine große, ungeordnete Ameisenschar.  An der Meersburger Promenade hatten sämtliche Cafes und Weinstuben ihren Winterschlaf vorzeitig beendet. Der Witterung entsprechend, sorgten vor allem Kaffee, Glühwein, aber auch hochprozentige Getränke für einen, wenige Wochen zuvor noch nicht für möglich gehaltenen Umsatz! Auch ich riskierte damals eine Überfahrt mit dem Fahrrad, aber nachdem es mich zweimal nachhaltig „auf den Hintern gesetzt hatte“, zog ich es vor, die Expedition abzubrechen.  Beim zweiten "Ausrutscher" schlitterte das Fahrrad meterweit davon, aber außer eine leichten Verstauchung war ich glücklicherweise heil geblieben!

Der Konstanzer Trichter war nur für wenige Tage ganz zugefroren. Der Hafenpegel zeigte einen Wert von 2,38 m an und in dem ab dem Seezeichen Nr. 3 freien Wasser tummelten sich Hunderte von Belchen, Schwänen und Blesshühnern, die von der Anteil nehmenden Bevölkerung gefüttert wurden. Von Zeit zu Zeit kreiste auch ein Sportflugzeug des Typs "Piper-Supercup" über dem Trichter und warf für die notleidende Tierwelt kiloweise Rindertalg ab. Auch ich beteiligte mich mit Brotresten an diesen Aktionen und einmal glitt beim Zeppelindenkmal eine Frau auf dem gefrorenen Untergrund aus und hätte beinahe ein unfreiwilliges Bad genommen. Der sogenannte „Rutsch“ machte seinem Namen alle Ehre.

Die anderen Ereignisse wie die Eisprozession von Hagnau nach Münsterlingen und die Veranstaltungen der Narrengesellschaften auf dem Eis, entnahm ich nur aus Presse und Rundfunk. Aber fest in meinem Gedächtnis haften geblieben ist mir ein abgebildetes Foto von der Seeprozession mit einer Spruchtafel, die ein Ministrant den vier geistlichen Würdenträgern mit der Johannesbüste voraustrug:

Herr – du kannst Brücken bauen aus Eis und Frost –
Darum bitten wir dich im Vertrauen –
Baue eine Brücke von West nach Ost -
Damit die Menschen die nach den Sternen streben –
Hier auf Erden können in Frieden leben!

So abenteuerlich die Seegfrörne auch immer sein mochte, zog man es doch vor, beizeiten wieder in der warmen Stube zu sitzen. Als aber am 15. März 1963 der Fährebetrieb wieder eröffnet wurde, musste ich selbstverständlich mit dabei sein. Gewissermaßen erleichtert, stand ich zusammen mit einem älteren Herrn auf der Staader Mole und erfreute mich am Anblick der an diesem Tag über die Toppen beflaggten Fährschiffe. Die Saison für die "Weiße Flotte" hätte  eigentlich am 17. März 1963 beginnen sollen, musste aber wegen der immer noch gefährlichen Treibeisfelder auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Nur zwischen Konstanz und Meersburg verkehrte an diesem strahlenden Frühlingstag das Motorschiff "Schienerberg". Das Schiff war vollbesetzt mit Ausflügler aus der Region, die sich die nun scheidende Seegfrörne nicht entgehen lassen wollten. Mehrfach musste der Schiffsführer zwischen dem "Hörnle" und Meersburg noch größeren Eisschollen ausweichen. Ein neuer Frühling war ins Land gezogen. Trotz eines sehr harten Winters, lebt dieses einmalige Jahrhundert-Ereignis vor genau 50 Jahren im Gedächtnis der älteren "Seehasen" weiter.

(Karl F. Fritz)  

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